Aus dem Nebel der Geschichte
Riverdance: Visionen von Irland, eine Reise um die Welt

Für mich war es etwas ganz Persönliches, nach 20 Jahren einfachen Tropenlebens ohne kulturelle Ereignisse, jetzt ein europäisches Tanztheater, ein ganz außergewöhnliches, unverwechselbares dazu. Gleichzeitig nach 15 Jahren ein Abschied der Truppe „Riverdance“ von Deutschland, getanzt und musiziert im CCH-Center zu Hamburg.

Die herbstlich bunt gefärbten Blätter des benachbarten Parks „Planten und Bloomen“ schienen wie geschaffen für das, was mich erwartete, ein grauer Nieselregen schuf Urzeitstimmung, jedenfalls für mich und meine, selbst leidenschaftlich musizierende, Begleiterin Ute.

„Sie“, das neue Volk, traten im ersten Bühnenbild aus dem Nebel der Geschichte, eine getanzte Vision unter einem von Wolkenschleiern umwaberten Vollmond. Lyrische Flötentöne, dumpfer Trommelschlag, eine das Herz zerreißende, virtuos gehandhabte Fiddel.

Ich sank in meinen Sessel und versank in der Vergangenheit, war ich doch der erste Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg, der Anfang der Sechziger Jahre Londonderry in Nordirland besucht hatte und vom Major in der düster-feierlichen City-Hall begrüßt worden war. Von da zog es mich über viele Jahre regelmäßig in die Republik, zuletzt im Juli 2009. Ich habe das Land, seine dramatischen Küsten und sanft grünen Hügel, seine Seenplatten und seine Wildnis, etwa in Kerry, erwandert, von Süd nach Nord und von Ost nach West; habe ein paar Monate auf dem winterlichen Cape Clear am Rande des schier unendlichen, zu dieser Zeit tobenden Atlantik gelebt (*).

Wenn ich irgendwo am Shannon-River, den Cliffs of Moher oder an der Steilküste von Cape saß und in das Spiel der Wellen starrte, der Brandung oder dem Flüstern des Flusswassers lauschte, der Geruch des Seetangs in meine Nase flügelte, tauchte ich mit den Jahren immer mehr wie in einer Art Trance in die Vergangenheit ein, hatte Visionen aus der keltischen Frühzeit, als plumpe Ochsenkarren durch die Furt „Baile Atha Cliath, die Furt am Knüppeldamm, das heutige Dublin, zogen. Aus den Schilf gedeckten Rundhütten stieg der Rauch der Torffeuer, die Männer tranken Met und torkelten später sturztrunken auf ihre Felllager.

Auch dieses rätselhafte Volk trat aus dem Nebel der Geschichte, ebenso wie es eines Tages wieder verschwand und viel von altem Wissen mit sich nahm, denn den Druden war es verboten, etwas darüber aufzuschreiben.

 

Diese irische Musik da, auf der Bühne, manchmal melancholisch, manchmal wild und in einer ganz eigenen Art feurig, das begleitende Geräusch des virtuosen Stepptanzes ließen in mir Bilder aufsteigen, von einfachen Fischerhütten, unter den Winden geduckten Häusern, von der Fröhlichkeit damaliger Armut, die schließlich doch nach einer Erntekatastrophe Hunderttausende zur Auswanderung in die Fremde zwang. Dunkles Bier und malziger Whiskey, Volkstänze in verräucherten Pubs, auf kleinen Bühnen und in ländlichen Sälen irgendwo in der Provinz, musizierende Barden und heimliche Liebe hinter den violett flammenden Rothodendron - oder den goldgelb leuchtenden Ginsterbüschen - das alles stieg in mir auf. Typisch irische Musik in einer modernen Verpackung, Riverdance nahm mich mit und ich ließ es geschehen. Dann die kurze Pause. Ich blieb sitzen, ließ nachklingen.

 

Über zwei Milliarden Zuschauer in 14 Jahren, allein in Deutschland 1248 Auftritte, 4,2 Millionen Tickets, Millionen Show-Besucher weltweit, davon mehr als zwei Millionen in Deutschland, mehr als 1000 Paar „zertanzte“ Schuhe, mehrere tausend Aufführungen auf vier Kontinenten, in 18 Ländern und an 90 Veranstaltungsorten, Über sieben Millionen verkaufte Videos, mehr als zwei Millionen CDs, fast 100 000 Besucher täglich auf der Homepage – ein Ergebnis harter Arbeit, das für sich selbst spricht. Mit der Anzahl der Fußsteps ihrer 62 Füße hätten die Tänzer den Globus 200 Mal umrunden können.

Keiner der Künstler aus der „Urzelle“ dieses Tanztheaters, wie Moya Doherty und Jean Butler, John McColgan, Bill Wheelan und Michael Flatley hätte je von einer solchen Bilanz geträumt.

Nun, nach der Pause, führte die Reise der Tänzer, das rhythmische Stakkato der „hard shoes“ weiter, russische Steppe klang an, Flamenco und Karibik, das quirlige New York, das so viele Iren als Auswanderer angelockt hatte. Und ich selbst sah mein langes Reiseleben vor mir, ohne je wirklich sesshaft geworden zu sein, New York und New Orleans, wo wir im French Quarter in der Nacht ein Klavier auf die Straße schleppten und spontan Blues intonierten, das kalifornische San Fransisco und Nevada, Afrika und die Karibikinseln, Venezuela, die Wassermassen des Orinoko, den Pazifik und Südostasien.

Stehende Ovationen des Hamburger Publikums zum Finale der Show, dem man, wie allem Norddeutschen, gern Steifes, manchmal sogar „Dröges“ nachsagt, es war nichts davon zu spüren. Riverdance hatte ganz offensichtlich die hanseatischen Herzen angerührt. Meine Begleiterin stand da, zuckte rhythmisch und klatschte voller Inbrunst mit. Vor vielen Jahren hatte sie die Show schon einmal gesehen, sie war auch jetzt von diesem Abschied begeistert, ich nicht weniger. Und das alles hatte einmal während des Eurovision Song Contests 1994 in der irischen Hauptstadt Dublin als siebenminütige Pausenaufführung begonnen. Kaum zu glauben, aber die atemberaubende Schnelle der Füße, absolut synchron, eine vollendete Einheit von Musik, Tanz, Rhythmus, Licht und Sound gewannen von da an immer mehr begeisterte Zuschauer.

Ja, nun, wie im letzten Bild von Riverdance, nun bin auch ich heimgekehrt, der Tanz ist zu Ende, was bleibt ist der Klang in meinem Inneren, der Klang unseres blauen Planeten, auf dem wir durchs Leben irren oder vielleicht besser singend tanzen sollten.

Joachim Feyerabend

Eine zusammenfassende Berichterstattung der Jahre 1996 bis 2006 gibt es hier als Download.

Riverdance – The Show, irland journal Ausgabe 3.95
Riverdance – Die Musik, irland journal Ausgabe 4.95
Riverdance, irland journal Ausgabe 1.96
Riverdance, irland journal Ausgabe 2.96
Riverdance – The Show, irland journal Ausgabe 3.96
Riverdance, irland journals Ausgabe 2.97
Riverdance, irland journal Ausgabe 3.97
Der Riverdance-Herbst, irland journal Ausgabe 2.98
Riverdance, irland journal Ausgabe 2.99
Riverdance, irland journal Ausgabe 3.04
Riverdance-Strom-Schnellen, irland journal Ausgabe 1.07